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Dezember 2, 2017

Wann nimmst du dir Zeit für Sex?

Ein häufiger Grund für Unzufriedenheit in der Sexualität ist, dass keine Zeit für Sex bleibt. Jedenfalls nehmen das die Betroffenen so wahr. Der Alltag nimmt dann so viel Raum ein, dass am Ende des Tages zu viele offene Erledigungen und zu wenig Lustgefühle übrig sind.

Ja, wir leben in einer Zeit, in der vieles wichtig ist.

Jedenfalls oberflächlich betrachtet. Viele Menschen laufen von Termin zu Termin. Machen eine Erledigung nach der nächsten. Und haken fleißig Punkte auf ihrer To-do-Liste ab. Denn es fehlen Pausen. Für bewusste Momente. Für einfaches Sein. Für Erholung. Für Spüren.

Nicht alles davon ist wirklich wichtig …

In den seltensten Fällen ist all das, was wir täglich tun, tatsächlich immer und sofort wichtig. Wir dürfen uns erlauben zu priorisieren. Auszusortieren. Und sogar loszulassen. Vielleicht magst du dir für dich die Frage stellen, was alles auf deiner täglichen Liste steht. Und was davon unbedingt erforderlich ist.

Sex als weiteres To-do?

Das ist nicht die Lösung. In meinen Coachings mache ich manchmal die Erfahrung, dass es aber ein wenig so empfunden wird. Als müsse Sex irgendwie vorkommen. Viele Paare versuchen dann am Ende des Tages noch Intimität zu leben. Obwohl sie eigentlich müde und erschöpft sind. Den Kopf voll haben und nicht in Stimmung sind oder kommen.

Einmal Sex bitte! Und das möglichst schnell, einfach und gut.

Das passt wunderbar in das heutige Denken von Effizienz und Selbstoptimierung. Wäre toll, wenn wir ganz leicht und immer Lust entwickeln könnten. Den Schalter einfach umlegen könnten, obwohl wir müde sind und uns gerade eigentlich gar nicht nach Sex ist. Vielleicht hast du dich ja selbst schon mal gefragt, warum es nicht einfacher sein könnte. Vielleicht gibt es in dir

ein Selbstbild, diesen Vorstellungen entsprechen zu wollen.

Wenn dem so ist, nimm es an. Wegdrücken hilft nicht. Eine bewusste Auseinandersetzung kann allerdings weiterhelfen. Nur nicht in die Richtung, wie du dich ändern könntest, um diesem Bild von leichtem und immer möglichem, tollem Sex zu entsprechen. Vielmehr geht es darum:

Was brauchst du, um Lust auf Sex zu entwickeln?

Und da sind wir schnell bei äußeren Bedingungen. Antwort Nummer 1 ist: einen Partner. Ja, das kann helfen. Ist im Grunde aber nicht zwingend notwendig. Denn berühren können wir uns auch selbst. Aber das ist ein anderes Thema und will an anderer Stelle erklärt werden … Stell dir mal die Frage, wann du in der Vergangenheit richtig Lust empfunden hast. Damit kommst du den Rahmenbedingungen auf die Spur, die für dich wichtig sind. Denn was ich sagen will, ist:

Es gibt verschiedene Aspekte, die uns Lust auf Sex ermöglichen.

Zum Beispiel ein Gegenüber, knisternde Stimmung, Attraktivität für unser Auge. Aber auch brennende Sonne auf der Haut, Bilder im Kopf oder Berührung. Alle haben eins mehr oder weniger gemeinsam. Es braucht eine Situation, in der wir das erleben, empfinden und fühlen können. Einen Raum dafür. Und

Zeit.

Wenn wir keine Zeit haben, können wir auch nicht bewusst wahrnehmen, was um uns und erst recht in uns passiert. Wir haben keine Chance so etwas wie Lust auf Sex oder beginnende Erregung wirklich wahrzunehmen. Und wenn wir zusätzlich müde oder gestresst sind, fällt diese Wahrnehmung noch mal schwerer. Deswegen ist mein Vorschlag:

Nimm sie dir.

Die Zeit. Ganz bewusst. Verabrede dich für bewusste Zeit. Dabei muss Sex gar nicht explizit das Ziel sein. Vielmehr geht es darum, einander zu begegnen. Raum dafür zu haben. Ohne Smartphone, Laptop, Erledigungen, Freunde oder Kinder. Sich nah sein zu können. Und dann zu schauen, was ist. Und was sich entwickeln will.

Wenn du das willst, wirst du diese Zeitfenster auch finden.

Ich war hellauf begeistert, als die Idee von 30 Minuten bewusster Kuschelzeit am Morgen zu mir kam. Ich war sofort bereit das auszuprobieren und dafür den Wecker eher zu stellen. Und ich sage dir, es ist so wunderschön! Und damit meine ich Kuscheln, es geht noch nichtmal um Sex. Und doch ist es so wertvoll. Weil es Nähe und Verbindung schafft.

Und das ist eine Basis dafür, dass sich Lust auf Sex entwickeln kann.

So wird es leichter, sich auch mal längere Zeitfenster zu erschaffen, in denen dann Raum für bewusste und ausgedehnte Körperlichkeit ist. Meine Empfehlung: drei Stunden. Zu einer Zeit und an einem Tag, wo alle Beteiligten auch fit sind. Sex dann nicht reingequetscht, in die Nacht verschoben oder als zeitliche Belastung empfunden wird. Sondern sich ausbreiten darf. Denn:

Sex braucht Zeit.

Zumindest wenn der Wunsch nach einem sanften Start, sich aufbauender Lust und Erregung und nach tiefem Spüren und sich fallen lassen da ist. Schneller, explosiver, von selbst passierender und schöner Sex ist selten. Eher eine Ausnahme. Und oft mit Verliebtheit verknüpft. Alles Weitere darf anders sein.

Und darf auch etwas Arbeit bedeuten.

Wobei ich Arbeit in diesem Kontext eigentlich nicht mag. Aber ich meine damit, Sex wird ohne ein gewisses Maß an „sich dem Sex bewusst zuwenden“ Gefahr laufen, hinten über zu fallen, langweilig zu werden, als Pflicht empfunden zu werden. Und somit auf lange Sicht einschlafen. Und das ist schade. Und muss nicht sein.

Also stell dir gern diese Fragen:

Wann nehme ich mir bewusst Zeit für Sex? Möchte ich mir mehr Zeit nehmen? Wann möchte ich mir diese Zeit nehmen? Und mach dich frei von dem Gedanken, du müsstest eigentlich immer können, wenn sich die Gelegenheit bietet. Im sonst so vollen Alltag gerade zufällig Zeit ist oder du abends noch etwas weniger müde oder erschöpft bist, als üblicherweise.

Und auch, wenn du keine Partnerschaft hast

oder dein Partner/deine Partnerin vielleicht grundsätzlich weniger Lust hat als du. Dieses Prinzip ist komplett auf Selbstliebe (also Masturbieren) übertragbar. Alles, was auch dafür bewusste Zeit und bewussten Raum ermöglicht, ist wertvoll. Erlaube dir das.

Sieh es als Experiment

und probiere einfach aus, dir mal bewusst ein Zeitfenster für Sex oder Selbstliebe zu nehmen. Allein oder zu zweit. Vielleicht fällt dir auf, dass es einen Unterschied macht, etwas anders ist. Vielleicht hast du Lust, es danach zu wiederholen. Vielleicht auch nicht, dann war es ein einmaliges Experiment. Und vielleicht doch eine wertvolle Erfahrung.

Ich wünsche dir eine gute Zeit

Yvonne Peglow